Der Lustmord von Hainewalde

von Rainer Buttig — Ortschronist Hainewalde - «Der Lustmord von Hainewalde» ist eine Beitrag aus dem redaktionellen Teil des Nachrichtenblattes aus Großschönau. Mein Dank gilt Herrn Buttig für die Veröffentlichungsgenehmigung auf grussschiene.de. Hier ein kleiner Tipp: Erwerben Sie das Nachrichtenblatt von Großschönau — erhältlich in vielen Geschäften von Großschönau oder auf dieser Internetseite.


In die größte Aufregung ist der Ort Hainewalde nebst der Umgebung durch das scheußliche Verbrechen an dem Dienstmädchen Marie Gärtner aus Herwigsdorf bei Zittau versetzt worden. Das Dienstmädchen Marie Gärtner war am Dienstag, dem 12. Januar 1897, gegen 2 Uhr nachmittags von ihrem Dienstherren, Herrn Gemeindevorstand Klien, zu dessen Schwiegersohn, dem Fabrikanten Köhler nach Spitzkunnersdorf geschickt worden. Dort war das Mädchen nicht eingetroffen und alle Nachforschungen über ihren Verbleib blieben tagelang vergeblich. Am Sonntag sollten sich die schlimmsten Befürchtungen, die allseitig an das rätselhafte Verschwinden des als zuverlässig und sehr ordentlich bekannten Mädchens geknüpft wurden, auf die schrecklichste Weise bestätigen. Die Leiche der unglücklichen Marie Gärtner wurde, wie die „Zittauer Morgenzeitung“ in ausführlicher Weise berichtet hat, in einem an der Straße nach Spitzkunnersdorf gelegenen Birken– und Erlengebüsch aufgefunden, und alle Anzeichen deuten darauf hin, dass sie das Opfer eines ruchlosen Lustmörders geworden, der das schändliche Verbrechen am hellen Tage ausgeführt hat.

Die sofort angestellten polizeilichen Recherchen haben auch schon in der Nacht zum Montag zu einer Verhaftung geführt. Der Revierförster Horn des Rittergutes Hainewalde, ein verheirateter Mann und Vater von vier zum Teil erwachsenen Kindern, ist als der Tat verdächtig verhaftet und bereits in das Amtsgerichtsgefängnis zu Großschönau eingeliefert worden. Wir haben über die näheren Umstände der entsetzlichen Tat, welche nicht nur die Bewohner des idyllisch gelegenen Dorfes Hainewalde, sondern auch die der weiteren Umgebung in Furcht und Schrecken versetzt, selbst an Ort und Stelle die umfassendsten Recherchen angestellt und dabei Folgendes ermittelt. Die zwanzigjährige Marie Gärtner war seit 3 1/2 Jahren bei dem Gemeindevorstand und Kaufmann Klien als Dienstmädchen tätig. Sie wurde jedoch wegen ihrer tadellosen Führung als zur Familie gehörig betrachtet. Sie war ein hübsches, kräftig gebautes und entwickeltes Mädchen, das man sehr seltenauf dem Tanzboden sah und das auch nie eine Liebschaft unterhalten hat. Eine Tochter des Herrn Klien ist, in dem etwa eine Stunde entfernten Spitzkunnersdorf, an den Herrn Fabrikbesitzer Köhler verheiratet. Dorthin sollten am Dienstag, dem 12. Januar, einige in einem Pappkästchen verpackte Stoffproben geschafft werden. Marie Gärtner erhielt den Auftrag, dies zu besorgen Um dreiviertel 2 Uhr verließ Marie Gärtner das Klien’sche Haus. Sie ist noch beim Fleischer gewesen und hat dort Schinken gekauft, den sie nach Spitzkunnersdorf mitnehmen sollte. Wie weiter unten noch des näheren ausgeführt wird, führen zwei Wege nach Spitzkunnersdorf. Auf dem links gelegenen Wege erreicht man die Köhler’sche Fabrik zwar schneller, aber er führt häufig durch Walddickicht, während der Weg rechts zwar etwas weiter ist, aber ziemlich frei liegt. An der Stelle, wo der linke Weg sich abzweigt, befindet sich die Ziegelei des Rittergutes. Hier ist das junge Mädchen von vier Frauen zuletzt gesehen worden. Darauf, dass die Ausgesandte am Abend nicht zurückkehrte, legte man in Klien’schen Haus kein Gewicht, weil das Mädchen schon des Öfteren bei der Familie Köhler geblieben war.

Als sie aber am nächsten Vormittag um 11 Uhr noch nichts von sich hören ließ, gab Herr Klien seinem Expedienten den Auftrag, doch einmal telefonisch anzufragen. Der ahnungslose Mann hat sich nun leider nicht genau ausgedrückt, als er bei Köhler nur angefragt hat, „ob etwas vorgefallen“ sei, worauf er natürlich eine verneinende Antwort erhielt. Man war nun im Hause Klien völlig beruhigt, bis am Vormittag des dritten Tages, am Donnerstag, dem 14. Januar, Herr Klien die Sache doch so beunruhigte, dass er einen Boten zu Köhlers sandte. Jetzt erst stellte sich infolge dieser unglücklichen Verkettung der Umstände heraus, dass das Mädchen dort überhaupt nicht eingetroffen war. Der von einigen ausgesprochenen Ansicht, dass sie den Dienst böswillig verlassen habe, widersprach Herr Klien sofort auf das Entschiedenste, auch stand ihr ganzes bisheriges Betragen dieser Vermutung entgegen. Es blieb also nur die Möglichkeit offen, dass ihr ein Unglück zugestoßen oder sie das Opfer eines Verbrechens geworden sei. Die nächsten Tage vergingen, ohne dass es trotz aller Bemühungen gelang, über den Verbleib irgend etwas zu ermitteln. Am Sonnabend wurde seitens des Gemeindevorstandes eine Belohnung von 100 Mark auf die Auffindung der Verschollenen ausgesetzt und am Sonntagmorgen begaben sich Hunderte hinaus, um die Umgebung des Dorfes genau abzusuchen. Achtzehn Männer, die sich gemeinschaftlich auf die Suche begeben hatten, entdeckten am Sonntagvormittag die Leiche des Mädchens in einem dichten Erlen– und Birkengebüsch, das sich ziemlich nahe an dem rechts gelegenen Wege nach Spitzkunnersdorf befindet. Die Lage der Leiche ließ darüber kaum einen Zweifel zu, dass hier ein Lustmord verübt worden war und ferner, dass der Fundort nicht als Tatort anzusehen ist, sondern dass der tote Körper erst später hier niedergelegt worden war. Der Körper lag lang ausgestreckt auf dem Rücken, unter den beide Arme gestreckt worden waren. Die Beine waren etwas auseinander gespreizt, während die Taille und die übrigen Kleidungsstücke anscheinend gewaltsam aufgerissen waren und den Busen bloßlegten. Das Gesicht der Leiche war wie von starkem Blutdrang hochgerötet und von unten herauf bis zu den Augen mit dem Kopftuch der Ärmsten eingebunden. Fest um den Hals lag noch das Schürzenband, mit welchem der vertierte Mordgeselle sein Opfer erdrosselt hatte.





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